Ich habe lang gezögert, dir von Audasien zu erzählen. Es ist ein Teil von mir, den ich lange verborgen hielt. Oder vielmehr: verschiedene Teile. Vielleicht kennst du selbst welche davon. So oder ein bisschen anders.
Darüber zu schreiben, ist ein großer Schritt für mich – auch wenn es für viele andere ein kleiner sein mag. Immer mehr Menschen erzählen offen davon. Heute ist da eigentlich gar nichts mehr dabei. Jede*r fühlt und denkt eben ein bisschen anders. Dass ich anders bin als die meisten, die ich kannte, war mir schon immer klar. Aber nicht, dass das völlig okay ist und nichts, wofür ich mich schämen, was ich unterdrücken muss.
Meine jüngsten Erkenntnisse über mich und die Entscheidung, darüber zu schreiben, sind für mich wie meine persönliche Mondlandung und wie Neil Armstrong betrete ich Neuland.
Vielleicht sagst du: Nanu!
Vielleicht aber auch: War doch klar!
Oder auch: So what?
Oder: Ich fühle es!
Braucht es einen Namen?
Früher, als ich jung war, da gab es so was nicht. Da riss man sich einfach zusammen und passte sich an. Basta! Für viele gibt es das heute noch nicht. „Du doch nicht!“ Sie denken, ich bin die Maske, die ich schon mein Leben lang trage. Niemand weiß von meinen inneren Kämpfen, Zweifeln und Widersprüchen.
Deshalb zögere ich auch, nach einem Namen dafür zu fragen. Will ich wirklich in diese Schublade? Wäre ich dann darin gefangen? Was würde das mit mir machen? Noch kann ich sie zuknallen. So etwas betrifft doch nur andere. Geradezu lächerlich!
Gleichzeitig habe ich Angst, dass man mir nicht glaubt. Wie oft saß ich bei Ärzten und keiner konnte meinen Leiden einen Namen geben. Es hieß immer, es ist die Seele. Aber warum? Das konnte mir niemand erklären.
Andererseits, was spielt ein Name schon für eine Rolle? Sowieso gibt es mich mit meiner Persönlichkeit nur einmal. Wir alle – ich meine ALLE – bewegen uns in einem Spektrum, wie man heute weiß.
Ich will nichts weiter als dir beschreiben, wie mein Fleckchen dort aussieht, und wer weiß, vielleicht sind wir ja Nachbarn. 😉
Es gibt für mich noch viel zu entdecken in jenem Land in mir, das ich Audasien nenne. Auf diese Erkundungsreise möchte ich mit dir zusammen gehen, denn es könnte sich auch für dich lohnen. Vielleicht erkennst du dich selbst wieder. Vielleicht auch eine Person, die dir nahesteht. Auf jeden Fall wird es dein Bewusstsein dafür schärfen, dass wir alle sehr unterschiedlich ticken, dass wir Reaktionen von anderen manchmal völlig falsch deuten, weil wir unsere eigenen Maßstäbe anlegen.
Ich bin also eine Forscherin, die dieses Land gerade neu entdeckt. Ich möchte mich ihm nähern, literarisch, vielleicht poetisch und künstlerisch, und dich mit auf diese Erkundungsreise nehmen.