Meine Schlafzimmerkommode hat ein Loch
Mitten in der vintage-weißen Blende der untersten Schublade meiner Kommode klafft nun schon seit über einem Jahr ein großes Loch und erinnert mich daran, dass ich es so weit nicht mehr kommen lassen sollte.
Ich habe das Loch selbst hineingetreten, weil diese blöde Schublade nie richtig schließt. Zugegeben, ich hätte nicht gedacht, dass das Sperrholz so dünn ist und meiner Wut so wenig standhält.
Was hat die Wut ausgelöst?
Wut ist wohl eines der zerstörerischsten Gefühle unserer 7 Basisemotionen (nach Paul Ekman): Wut, Freude, Trauer, Angst, Überraschung, Ekel und Verachtung.
Hat uns die Wut erst mal gepackt, fällt es schwer, noch klar zu denken, geschweige denn, in einem ruhigen, sachlichen Tonfall zu kommunizieren, wie es uns geht und was wir brauchen. Wir werden laut und im schlimmsten Fall sogar unfair oder verletzend gegenüber unseren Mitmenschen. Oder es geht eben etwas zu Bruch.
Aber galt meine Wut wirklich der armen Schublade? Eigentlich liebe ich die Kommode, denn sie begleitet mich bereits einen Teil meines Lebens, hat schon mehrere Umzüge mitgemacht. Und eigentlich war ich bis eben doch noch bestens gelaunt gewesen – oder?
Wobei, etwas genervt war ich schon. Die Kinder lassen mir keine freie Minute, alle naslang fragen, sagen oder erzählen sie mir etwas. Merken die denn nicht, dass das mir das irgendwann zu viel wird? Und ihr Papa ist gerade auf der Couch eingeschlafen – mitten im ganzen Trubel. Unfassbar! Dabei würde ich schon seit einer Stunde gern eine Siesta machen.
Kommt dir diese Situation bekannt vor?
Spoiler: Die Wut galt natürlich auch nicht wirklich meinem Partner oder den Kindern.
Als Mama und insbesondere als pflegende Mama bist du rund um die Uhr für andere da. Aber wie es dir geht, das sieht keiner. Oft nicht mal du selbst – bis es zu spät ist.
Was tun gegen die Wut?
Wenn du die Wut bereits in dir aufsteigen spürst – Anzeichen dafür sind eine erhöhte Konfliktbereitschaft, innere Anspannung, laut werden, Reizbarkeit – gilt es vor allem Schadensbegrenzung zu betreiben. Dass du dir das Gefühl bewusst machst und erkennst, dass du im Moment möglicherweise nicht zu rationalen Gedanken, Worten oder Taten fähig bist, ist ein erster Schritt. Halte dann am besten erst mal inne, zähle bis 10, atme bewusst ein und aus, um dich zu beruhigen.
Gefühle kommen und gehen in Wellen. Such dir gegebenenfalls ein sicheres Ventil, um die größte Welle verebben zu lassen. Gehe oder jogge eine Runde um den Block, schlage auf ein Kissen ein oder male ein Wutbild. Dann versuche, herauszufinden, was diese Wut wirklich ausgelöst hat.
Denn auch, wenn es sich manchmal so anfühlt, Gefühle kommen nicht aus dem Nichts. Es gibt immer eine Ursache und oft liegt der Ursprung weit in der Vergangenheit und damit tief in unserem Unterbewusstsein vergraben.
Woher kommt die Wut wirklich?
Jeder von uns hat im Laufe seines Lebens Verletzungen erfahren, die uns nicht unbedingt in böser Absicht zugefügt wurden, sondern weil man es gut meinte und nicht besser wusste. Wir haben Enttäuschungen und Traumata erlebt, große, aber auch kleinere, die wir vielleicht nicht als solche bezeichnen würden.
Aber all diese Verletzungen tragen wir noch immer in uns und sie bilden wunde Punkte, die aufgrund einer Situation, eines Gedankens, Gefühls, Geruchs oder sonstiger Auslöser, der uns an sie erinnert, gedrückt werden.
Das ist auch der Grund, warum in diesen Situationen oft das „verletzte Kind“ in uns das Denken und Handeln übernimmt und warum es uns so schwerfällt, auf „gesunde erwachsene“ Weise damit umzugehen. Diese Begriffe stammen aus der systemischen Therapie und es ist ganz aufschlussreich, sich damit einmal zu beschäftigen.
Negative Gefühle sind wichtige Signale, dass etwas nicht stimmt!
Oft versuchen wir, negative Gefühle zu unterdrücken und zu verdrängen. Gerade bei Frauen werden Wut und Aggression als gesellschaftlich nicht akzeptabel angesehen. Die inneren Stimmen, die wir mit uns herumtragen, sagen uns: „Reiß dich zusammen!“, „Es gibt Schlimmeres!“, „Sei nicht so eine Heulsuse!“ Oder deine Gefühle werden auf hormonelle Schwankungen geschoben und damit heruntergespielt.
Deshalb sagen wir oft reflexartig „gut“, wenn wir gefragt werden, wie es uns geht, denn wir wollen nicht schwach erscheinen. Andere schaffen es schließlich auch. Wir leugnen negative Gefühle, verharmlosen sie, lachen sie weg, dabei sind sie wichtige Signale, dass etwas nicht stimmt, die wir uns bewusst machen und ernst nehmen sollten. Siehe auch Die ZEIT Nr. 19/26.
In den meisten Fällen verbirgt sich hinter einem Gefühl, ob positiv oder negativ, ein Bedürfnis, das erfüllt wurde – oder eben nicht. Leider sind wir oft weit von unseren Gefühlen und Bedürfnissen entfernt. Unsere Verbindung zu uns selbst ist uns abhandengekommen.
Wie kannst du die Verbindung zu deinen Gefühlen und Bedürfnissen wiederherstellen?
Fang am besten damit an, ein Gefühlstagebuch zu führen. Wähle ein möglichst handliches Büchlein oder Heft, das du immer dabeihaben und in das du im Lauf des Tages, so engmaschig wie möglich, eintragen kannst, wie du dich fühlst und ob sich deine Stimmung verändert hat. Mach das mindestens zwei Wochen lang.
Überlege jeweils, was dieses Gefühl verursacht hat oder was die Veränderung ausgelöst hat.
Wurde ein wunder Punkt aus deiner Vergangenheit gedrückt?
Welche Stimmen und Glaubenssätze kommen dir in den Sinn? Entsprechen diese wirklich der Wahrheit?
Welches Bedürfnis könnte hinter dem Gefühl stecken? Handelt es sich um ein unerfülltes Bedürfnis, was könntest du tun, damit es erfüllt wird?
Fortsetzung folgt!
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