Wer bin ich? Kaum ein Tag, an dem ich mit demselben Ich aufwache wie an dem zuvor. Heute so morgen so – das wurde mir oft vorgeworfen – zu Recht.
Ich wusste selbst nie, was mein wahres Ich ist. Heute weiß ich: alles, was aus mir selbst kommt, gehört zu mir. Alles, was Verstellung und Anpassung ist, nicht.
Aber das zu unterscheiden, ist gar nicht so einfach, denn, um es mit Goethe zu sagen: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!“
Die eine wünscht sich Ordnung und Struktur, sehnt sich nach Sicherheit und Geborgenheit, fürchtet Veränderung, zu viele Reize und soziale Kontakte.
Die andere ist impulsiv und flatterhaft, ständig auf der Suche nach Stimulation und schneller Belohnung, ständig abgelenkt von der kleinsten Kleinigkeit, kann nicht Filtern, denkt und fühlt alles gleichzeitig und trifft Entscheidungen, die Chaos anrichten auf ihrem Weg.
Diese zwei Seelen, sie wohnen und sie streiten – ständig. Ich bin der geborene Widerspruch. Und dieser Streit, dieser ständige Wechsel, der Versuch von Beständigkeit und Funktionieren in einer Welt, die von all dem nichts ahnt, kostet so viel Kraft. Und zwar umso mehr, je älter ich werde.
Ich bin nicht erschöpft, weil ich alleinpflegende Mama bin – nicht nur. Ich bin erschöpft, weil das Leben für mich so viel anstrengender ist als für andere, selbst wenn ich gefühlt kaum etwas mache. Das ständige Fühlen und Zerdenken, all die Tabs, die gleichzeitig geöffnet sind, die Prozesse, die ständig im Hintergrund laufen, das frisst so viel Energie.
Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, aber erst allmählich wächst das Bewusstsein für dieses Phänomen. Jede dieser Seelen für sich genommen – ja, das gibt es wohl, sogar bei Frauen meines Alters, die ihr Leben lang nicht aufgefallen sind, weil die Maskerade so gut funktionierte, weil so gut kompensiert wurde. Aber beide zusammen in einer Brust, in einem Kopf? Das ist neu und für viele undenkbar.
Es gibt noch keinen offiziellen Namen dafür und erst wenige Beschreibungen. Und nein, kein Spezialist hat mir das bestätigt. Deshalb werfe ich hier nicht mit Namen um mich. Ich war schon hochsensibel, introvertiert, eine Scanner-Persönlichkeit – all das stimmt, aber es sind nur Symptome. Als ich zum ersten Mal darüber las, dass diese beiden Seelen zusammentreffen können und wie sich das auswirken kann, wusste ich sofort: Das bin ich!
Ich habe viel verstanden über mich, wenn auch längst nicht alles. Aber ich weiß: Ich bin nicht allein. Da draußen gibt es noch mehr, die ihr Leben lang mit diesen zwei Seelen gekämpft haben und mit einer Welt, die sie nicht mitdenkt, die sich selbst nicht begreifen, voller Zweifel und Selbstkritik sind und keine Ahnung haben, was mit ihnen los ist.
Wo seid ihr, Schwestern und Brüder?