Erinnerst du dich noch an meine Kommodenschublade, die ich vor Wut eingetreten habe?
Woher kam diese Wut? Die ununterbrochene Ansprache durch die Kinder und dass ich weder einen Rückzugsort noch Zeit für mich fand, hat bei mir nach und nach für eine Reizüberflutung gesorgt. Zudem hat sich mein Ärger hochgeschaukelt, dass die anderen nicht merken, dass ich eine Pause brauche.
Moment, was?
Genau, ich habe anderen die Verantwortung für meine Bedürfnisse übertragen – ohne dass die überhaupt davon wussten. Doch die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse trägt jeder selbst, und das ist auch gut so, denn jeder weiß doch im Grunde selbst am besten, was er braucht und was ihm guttut.
Alles Egoisten?
Viele Menschen und ganz besonders Kinder können die Bedürfnisse anderer nicht wahrnehmen. Vielleicht bist du dafür sensibilisiert, zu spüren, was andere brauchen, sei es durch die familiäre Situation in deiner eigenen Kindheit oder durch deine Rolle als Mutter. Hast du, wie ich, ein nonverbales Kind, bist du den ganzen Tag damit beschäftigt, zu erspüren und zu erraten, was es braucht.
Dennoch kannst du im Gegenzug nicht erwarten, dass die anderen auch deine Bedürfnisse erraten. Wünsche von den Augen ablesen können die allerwenigsten und niemand möchte sich schuldig fühlen, ohne überhaupt zu wissen, wofür. Du nimmst dir und anderen die Chance, deine Wünsche zu erfüllen, wenn du sie nicht aussprichst.
Was will ich überhaupt?
Weil viele von uns als Kinder gelernt haben, dass es falsch und egoistisch ist, an sich selbst zu denken, fällt es uns als Erwachsene schwer, überhaupt Zugang zu den eigenen Bedürfnissen zu finden.
Versuch daher, so oft wie möglich Kontakt zu deinen Bedürfnissen aufzunehmen und dich zu fragen „Was brauche ich jetzt?“
Wenn du noch kein Gefühlstagebuch führst, fang am besten jetzt damit an.
Weil ich es mir wert bin
Selbst wenn wir Zugang zu unseren Bedürfnissen finden und wissen, was wir bräuchten, fällt es uns oft noch schwer, den nächsten logischen Schritt zu gehen und dieses Bedürfnis zu kommunizieren.
Bei mir hat das viel mit der Angst vor Ablehnung zu tun und dem tief eingeprägten Glaubenssatz, dass ich als Mensch nur dann wertvoll und liebenswert bin, wenn ich für andere nützlich bin und nicht unbequem. Letztendlich handelt es hier um einen Mangel an Selbstwertgefühl.
Deshalb beschleichen mich sofort Selbstzweifel und Schuldgefühle. Sätze wie „Das ist ganz schön egoistisch!“ oder „So viel Stress habe ich auch wieder nicht“ geistern in meinem Kopf umher und lassen mich zögern.
Wie sag ich‘s?
Um anderen die eigenen Bedürfnisse mitzuteilen, schlägt das Modell der gewaltfreien Kommunikation vor, nach den vier Bs vorzugehen: Beobachten der Situation – Befinden – Bedürfnis – Bitte. In meinem Fall würde das in etwa lauten: „Wenn die Kinder mich so vereinnahmen, fühle ich mich irgendwann überfordert und gereizt. Ich brauche einfach mal eine Pause. Bitte übernimm du in den nächsten zwei Stunden, damit ich mich zurückziehen kann.“
Um nicht in eine Vorwurfshaltung zu geraten, sind Ich-Botschaften wichtig und dass die Bitte ruhig und in einem friedlichen Ton vorgetragen wird.
Nein heißt ja zu mir selbst
Wird umgekehrt eine Bitte an dich herangetragen und du bist nicht sicher, ob du sie erfüllen willst, hilft es, sich erst mal Bedenkzeit und räumlichen Abstand zu verschaffen. Du musst nicht sofort antworten, sondern kannst immer sagen, „Ich denke darüber nach.“
Und das tust du ganz in Ruhe, horchst in dich hinein, wie du dazu stehst, nimmst Kontakt zu deinen Gefühlen und Bedürfnissen auf.
Eine gesunde Portion Selbstliebe und ein liebevoller Umgang mit deinem inneren Kind helfen bei der Abgrenzung. Sage dir: „Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie die der anderen!“
Was hat sich seit meinem Tritt in die Kommodenschublade bei mir verändert?
Einiges – im Umgang mit mir selbst und mit den anderen. Wenn ich beim Xten „Nele!?“ denke, ich kann nicht mehr, dann sage ich das auch, und zwar rechtzeitig und auf eine freundliche Art. Ich verweise an den Papa, vertröste auf später oder rege an, ein Problem selbst zu lösen oder sich mit einer bestimmten Sache allein zu beschäftigen.
Solche über Jahrzehnte eingefahrenen Denk- und Verhaltensmuster lassen sich nicht über Nacht verändern, auch mir fällt die Abgrenzung mal mehr mal weniger leicht, wichtig ist aber, es sich immer wieder bewusst zu machen und daran zu arbeiten.
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